Wallfahrt von Anrath nach Kelevlaer

Die Wallfahrt beginnt in der Dunkelheit der frühen Morgenstunden um 03:35 Uhr in Anrath. Noch liegt alles still – Straßenlaternen flackern über Asphalt, und selbst die Vögel sind noch ruhig. Die ersten Kilometer führen euch durch das nächtliche Stadtgebiet hinaus ins Umland. Mit Stirnlampen oder Taschenlampen beleuchtet ihr den Weg, während die Gruppe in konzentrierter Stille Schritt für Schritt der aufgehenden Sonne entgegengeht.

Der erste Abschnitt verläuft über ruhige Nebenstraßen und asphaltierte Wirtschaftswege, vorbei an Feldern und kleinen Ortschaften, deren Fenster noch dunkel sind. Nach etwa zwei Stunden erreicht ihr Kempen, wo ihr die erste längere Pause einlegt. Die Stadt schläft noch – vereinzelt trifft man auf Frühaufsteher, die verwundert grüßen. Es ist ein Moment der Sammlung, eine erste Gelegenheit zur Rast und zum kurzen Aufwärmen.

Weiter geht es im beginnenden Tageslicht. Die Strecke führt durch offene Landschaft mit weiten Feldern, kleinen Waldstücken und schnurgeraden Wegen. Der Blick schweift über die niederrheinische Ebene – Windräder am Horizont, der Himmel färbt sich blau. In der Ferne ragen Kirchtürme aus dem Dunst. Es ist eine stille, flache Strecke, geprägt von Weite und dem regelmäßigen Rhythmus des Gehens.

In Wachtendonk, etwa zur Hälfte der Strecke, haltet ihr die zweite große Pause. Der historische Ortskern mit seinen Fachwerkhäusern und stillen Gassen wirkt wie ein kurzer Ausstieg aus Raum und Zeit. Hier werden Beine ausgeschüttelt, Blasen versorgt, Brot geteilt. Der weitere Weg verläuft zunächst entlang der Niers, einem ruhigen Fluss, der euch über mehrere Kilometer begleitet. Die Schatten werden kürzer, die Sonne steht nun hoch.

Gegen Mittag erreicht ihr Geldern, wo ihr die dritte und letzte längere Pause macht. Der Tag ist inzwischen heiß geworden, die Beine schwer, doch das Ziel rückt näher. Der folgende Abschnitt verlangt noch einmal Geduld und Kraft: Die Strecke zieht sich, verläuft über lange Feldwege, vorbei an wenigen kleinen Höfen und Siedlungen. Die Umgebung ist ruhig, fast monoton – ideal, um den Kopf frei zu bekommen und sich innerlich auf das Ziel einzustimmen.

Die letzten Kilometer verlangen euch alles ab. Die Sonne brennt, die Schritte werden automatisch, die Gespräche verstummen. Und dann: Der erste Glockenschlag von Kevelaer. Die Kirchtürme tauchen hinter den Feldern auf. Die letzten Meter führen euch hinein in die Stadt – plötzlich belebt, voller Menschen, Geräusche, Bewegung. Nach insgesamt 12,5 Stunden, davon 10,5 Stunden reine Gehzeit, steht ihr schließlich vor der Basilika: erschöpft, schweigend, bewegt.

Die Ankunft in Kevelaer ist kein Ende, sondern ein Moment des Innehaltens. Nach über 50 Kilometern zu Fuß trägt euch die Kraft, die aus der Stille, dem Weg und dem gemeinsamen Gehen entstanden ist. Ein Tag, der nicht vergessen wird.